Drei Frühlingstage am Rhein – Tag 3
Durch die Weinberge – Von Worms nach Speyer
Es ist noch früh am Morgen, während ich meine sieben – oder eher fünfzig – Sachen packe. Wieso verteilt sich mein ganzes Hab und Gut eigentlich immer in meinem Zelt? So viel steckt doch gar nicht in den beiden Packtaschen, gemessen an dem gefühlten Chaos um mich herum. Ein Rätsel, welches mich wohl bis zu meinem Daseinsende begleiten wird. Und das ist hoffentlich noch viele schöne Touren weit entfernt. Am besten wird es sein, es einfach zu akzeptieren und als festen Teil meiner Touren anzusehen.
Stück für Stück verschwindet alles wieder in den Taschen und die Frage, wie ich heute weiterfahre, wird langsam drängender. Der Rheinradweg führt entweder durch Mannheim oder durch Ludwigshafen. Ich kann mich nicht entscheiden. Beides klingt nicht nach dem Traum eines Reiseradlers. Prokrastinierend beschließe ich, erst mal nach Worms reinzufahren und eine Bäckerei fürs Frühstück zu suchen.
Eine Route durch die Weinberge – Das klingt verlockend
Eine Bäckerei ist schnell gefunden und ich sitze mit einer heißen Tasse Kaffee nachdenklich am Frühstückstisch. Mein Routenproblem hat sich leider nicht wegprokrastinieren lassen. Während ich den letzten Schluck aus der Kaffeetasse nuckele, spricht mich ein Mann mit Rucksack an. „Wohin geht’s?“, will er wissen. Ich erkläre ihm mein Dilemma und er schlägt mir eine Route durch die Weinberge vor. Das klingt verlockend. Also los!

Worms verabschiedet sich so, wie es mich begrüßt hat. Die Radwege sind eher so lala, das Ambiente gleicht sich dem an und die Baustellen sind hauptsächlich für den Autoverkehr ausgeschildert. So bin ich froh, dass die Stadt schnell hinter mir liegt. Tschüss Worms, ich hab dich auch nicht lieb.
In Horchheim folgt dann eine kleine Entschädigung. Hier treffe ich auf eine perfekt asphaltierte, alte Bahntrasse. Die Bäume und Sträucher bilden einen fast makellosen Tunnel, durch den ich – wie von einer unsichtbaren Hand gezogen – nur so dahinfliege.
Hinter dem Tunnel kommt die neue Welt
Schon nach drei Kilometern ist der Spaß wieder vorbei und ich verlasse den Tunnel in eine gefühlt ganz andere Welt. Zwischen weiten Feldern reiht sich nun ein Dorf an das andere. Kaum biste drin, biste schon wieder draußen – und direkt im nächsten Dorf. So erreiche ich Grünstadt. Die Bäckerei in der Innenstadt kommt jetzt gerade recht. Bevor es nun hoch in die Weinberge geht, tanke ich noch schnell einige Kuchenkalorien nach.

Hinter Grünstadt ändert sich das Landschaftsbild erneut. Es geht munter hoch und runter, und ein schmuckes Winzerdorf folgt aufs nächste. Immer wieder laden Schilder zu einer verlockenden Weinprobe ein. Bei den Temperaturen, den Hügeln und dem Gegenwind, ist das sicherlich keine so gute Idee. Ich will ja noch irgendwo ankommen. Mich wundert nur, warum so viele Menschen hier mit dem Auto haltmachen. Nur um Wasser zu trinken, sicherlich nicht.
Für mich finde ich eine schöne Bank im Schatten mit traumhaftem Ausblick über die Wingerte in das weite Rheintal. Auf der Bank liegend genieße ich die warme Luft, die sanft den Berg hinaufstreift, und für ein paar Minuten verabschiedet sich mein Geist ins Reich der Träume. Des is scho schee hier!
Wieder zurück im Rheintal
Aus den Weinbergen geht es mit Schmackes wieder runter in die Rheinebene. Am Ende der Abfahrt freue ich mich über die satt zupackenden Bremsen an meinem neuen Fahrrad. Vorbei sind die Schweißausbrüche, wenn die Kreuzung früher schneller näherkam, als mein altes Rad bremsen konnte.

Hinter Bad Dürkheim geht es nun im Zickzack durch die Felder. Ab und an fahre ich durch ein Dorf, sonst geschieht nichts Weltbewegendes. Oder doch? Das „Hofwerk“, eine 24‑Stunden-Abholstation für Gemüse, Kartoffeln, Eis usw., lockt mich an. Wenn schon kein Café zur Einkehr einlädt, dann eben ein leckeres Eis aus dem Automaten. Das „Eis am Rhein“ stammt von Gelato-Meister Angelo Tolone aus Speyer – ein kleiner Vorgeschmack auf die Domstadt.
Bevor ich Speyer erreiche, fahre ich noch durch einen weiten, grünen Auenwald. Auf feinstem Schotter fliegen die Kilometer nur so unter den Reifen durch. Der Wald duftet würzig-frisch, die Grillen bezirpen den Sommer und der Wolfgang freut sich über den Tag. So rolle ich nach Speyer hinein.

Wie nicht anders zu erwarten, ist die Stadt voller Menschen. Alles, was Beine hat, schlendert durch die Straßen oder sitzt unter den Sonnenschirmen vor den Cafés. Da liegt dann auch das kleine Problem: Ich würde mich jetzt auch gerne unter einen Sonnenschirm setzen, doch die Sitzplätze sind alle belegt. So fülle ich nur meine Vorräte für den Abend auf.
Noch einmal fahre ich am Rhein entlang
Bevor ich die Stadt verlasse, kläre ich noch schnell, ob auf dem Campingplatz ein Plätzchen für mich frei ist. Ein freundliches „Für Radfahrer immer!“ bestätigt mein Anliegen. Wie schön! Der Weg aus Speyer heraus war gefühlt ähnlich komfortabel wie der hinein. So ist mir das sympathisch.
Der Wind trägt mich entlang des Rheins und durch die Rheinauen zum Campingplatz Kollersee. Der Check-in verläuft zwar ein bisschen chaotisch – die Kollegin ist noch recht frisch im Job –, dafür sind sie und ihre Cheffin, aber super freundlich. Auch für mein Problem, dass ich morgens schon sehr früh losmöchte und die Karte für die Duschen vor den Öffnungszeiten zurückgeben muss, finden wir eine pragmatische, unkomplizierte Lösung.

Bevor ich mich in den warmen Schlafsack einmuckel, taucht die untergehende Sonne die Felder noch in ein tiefes Rot. Was für ein Schauspiel zum Abschied! Das Leben kann so g… sein.





























