Drei Frühlingstage am Rhein – Tag 2
Rheinradweg – Von Rüdesheim nach Worms
Wie war das gestern nochmal mit der Sonne? Bei der Ankunft am Wormser Kanuverein fühle ich mich jedenfalls wie eine Mischung aus Grillgemüse, Dörrfleisch und Trockenobst. Dabei hatte der Tag so unschuldig mit zwei dünnen Jacken begonnen. Die überlebten allerdings nur bis Eltville, danach verschwanden sie tief in den Packtaschen. Aber rollen wir das Feld – oder besser den Radweg – lieber von vorne auf.
Bevor die Reifen wieder Asphalt schnuppern durften, stand die Verabschiedung von meinem Zeltnachbarn an. Am Vorabend hatten wir noch ordentlich über das Radreisen gefachsimpelt. Er hat als Rentner das Radreisen für sich entdeckt und radelt aktuell mal eben in die Niederlande, um über Belgien wieder zurück in die Nähe von Karlsruhe zu fahren. Geplante Reisezeit: zwei Monate. Respekt!
Von Brückenruinen und Riesling-Paradiesen
Nun wird es aber Zeit, die Räder rollen zu lassen. Doch schon kurz nach dem Start bremsen mich die Überreste der Geschichte aus: die Hindenburgbrücke. Von 1913 bis 1915 für den Ersten Weltkrieg gebaut, wurde sie im März 1945 im Zweiten Weltkrieg auch schon wieder zerstört. Bevor mein Kopf zu tief über eines der zerstörerischsten Steckenpferde der Menschheit nachdenken kann, trete ich lieber wieder in die Pedale und fahre dem Rhein und der Sonne entgegen.

Geständnis eines Rheinkinds: Dass der Rheingau so schön zum Radfahren ist, hätte ich selbst nicht gedacht.
Links von mir reiht sich ein Weingut an das nächste, rechts leuchtet der Rhein im jungen Morgenlicht. Fast den ganzen Tag werden die Weinstöcke hier von der Sonne verwöhnt. Zusammen mit den mineralischen Böden und dem Taunus im Hintergrund, wächst hier der Stoff, aus dem die besten Rieslinge sind. Noch ist es aber definitiv zu früh, um die edlen Tröpfchen zu genießen. Ein gutes Frühstück in Eltville, hat jetzt erst mal Priorität.
Zwischen Industrie-Romantik und „Über den Deich Fliegen„
Weiter geht es vorbei an Wiesbaden. Der Schiersteiner Hafen weckt alte Erinnerungen an meine Wassersport-Zeiten. Nicht wenige Spitzenkanuten haben hier im Becken ihre Trainingsrunden gedreht. Die Jagd um die besten Plätze habe ich allerdings gerne den anderen überlassen – meine anfeuernden Rufe vom Streckenrand mussten als sportlicher Einsatz reichen.

Kurz darauf folgt das beeindruckende Biebricher Schloss. War das Ambiente bisher eher mediterran angehaucht, zeigt der Rhein nun sein anderes, arbeitendes Gesicht. Der Strom ist nun mal eine der bedeutendsten und verkehrsreichsten Wasserstraßen Europas. Bis zu 310 Millionen Tonnen Güter werden auf dem Rhein pro Jahr transportiert. Und die müssen irgendwann auch mal an Land. Bei Amöneburg führt der Rheinradweg deshalb eine ganze Weile durch Industrieanlagen. Nicht unbedingt ein Augenschmaus, aber auch das gehört zu unserer Welt.
Gefühlt nur fünf Kurven weiter, wird es auch schon wieder beschaulicher. Entlang der Rheinwiesen und durch die Maarauen – mit Blick auf Mainz – führt der Eurovelo 15 über den Main. Nach ein bisschen Gewerbegebiet bei Ginsheim-Gustavsburg verändert sich die Landschaft. Der Rhein hatte hier jahrtausendelang Platz, um sich in der weiten Ebene so richtig auszubreiten. Vor gut 200 Jahren hat der Mensch den wilden Fluss dann seinen Bedürfnissen angepasst. Geblieben ist ein schmaler Streifen Auenland – und jede Menge fruchtbarer Boden.

Oben auf dem Deich lässt es sich vorzüglich radeln. Der Schotter ist fein, die Oberfläche glatt. Und dank des ausnahmsweise fehlenden Gegenwinds, fühlt es sich fast schon wie Fliegen an! Wer noch mehr Speed braucht, weicht unterhalb des Deichs auf den fast perfekten Asphalt aus.
Pommes-Kalorien am Kult-Kiosk
Links von mir stechen die Arbeiter mit spitzem Werkzeug den Spargel aus der Erde, rechts, in den Auwiesen, nutzt Meister Adebar seinen spitzen Schnabel für die Nahrungssuche. Idylle pur. So rolle ich tiefenentspannt bis zur Fähre Kornsand. Nach der Aufnahme von Pommes und einem alkoholfreien Weizen, am Kultkiosk am Fähranleger, will ich wieder die Rheinseite wechseln.

Gut gestärkt mit wertvollen „Pommes-Kalorien“ rolle ich an Bord.
Habe ich eigentlich schon erwähnt, wie sehr ich Flussfähren liebe? Sie bringen mich gefühlt jedes Mal in eine völlig andere Welt.
Auf der anderen Rheinseite lockt die Altstadt von Oppenheim zu einer kleinen Besichtigung. Kirchen-Interessierte würden jetzt wohl die Katharinenkirche ansteuern, die zu den bedeutendsten gotischen Kirchen zwischen Straßburg und Köln zählen soll. Das fundierte Urteil darüber überlasse ich aber lieber den Historikern – mich interessiert eher der Rheinradweg.
Schottern auf dem Eurovelo 15
Der Eurovelo 15 verläuft hier auf bestem Asphalt in gebührendem Abstand zum Fluss. Ich will den Rhein aber direkt an meiner Seite wissen und zweige von der offiziellen Route ab. Auf der Schotterpiste, im kühlen Schatten der großen Bäume, unmittelbar am Rheinufer entlangzubrettern, ist Spaß hoch drei! Wenn nur die Pommes-Energie nicht so verdammt schnell verpuffen würde…

Nichts ist von ewiger Dauer, und auch der Schotter unter den Reifen hat irgendwann ein Ende. Am Abzweig zur Fähre Gernsheim hat mich die Zivilisation wieder. Hier ist absolut nichts los, sodass es sich fein vor sich hin radeln lässt. Mein Gehirn schaltet so langsam auf Überlebensmodus und sendet dezente Signale: „Wo gibt es Kuchen-Kalorien?„
Der Kampf um die letzte Kalorie
Schon in Hamm lockt ein überaus hübsch zurechtgemachter Hof meine hungrigen Radler-Augen an. Das „De Schambes“ zaubert allerdings nur Herzhaftes aus der einheimischen Küche auf den Tisch – und das auch erst zur späteren Stunde. Von Kaffee und Kuchen leider keine Spur. Leise weint mein inneres Krümelmonster.
Von nun an wird es mit jeder Reifenumdrehung zäher. Der hastig eingeworfene Energieriegel weigert sich beharrlich, seine Wirkung zu entfalten, und die zuvor im Sausetempo zurückgelegten Kilometer fordern ihren Tribut: Die Beine werden schwer wie Blei. Und als wäre das nicht genug, dringe ich nun in das – sagen wir mal – etwas gewöhnungsbedürftige Ambiente von Worms vor.

Die letzten drei mickrigen Restkalorien schleppen mich in die Innenstadt. Hier spricht mich aber so gar nichts an. Also Plan B: Vielleicht findet sich am Rheinufer ein schöneres Plätzchen? Schöne Plätzchen gäbe es theoretisch, praktisch ist aber schon alles voll besetzt.
Okay, wenn das hier so weitergeht, kümmere ich mich erst mal um das Dach über dem Kopf. Der Wormser Kanuverein hat laut seiner Webseite ein Herz für Radfahrer. Ein kurzer Anruf später und ich habe das Go für die Übernachtung!
Endstation Kanuverein Worms
Ich motiviere also meine allerletzte Reserve-Kalorie und fahre nach Wegbeschreibung im Zickzack durch ein Gewerbegebiet. Ob ich hier richtig bin? Noch einmal rechts und nochmal links stehe ich ziemlich ratlos am Floßhafen herum. Bevor sich die Fragezeichen über meinem Kopf optisch manifestieren können, ruft mir auch schon jemand zu: „Na, wo willst Du denn hin?“ Es stellt sich heraus, dass ich nur etwa hundert Meter zurückfahren muss, um dann genau dort langzufahren, wo ich es am allerwenigsten vermutet hätte.

Die Aufnahme beim Kanuverein Worms ist herzlich und der Preis für die Übernachtung eigentlich viel zu niedrig. Da lasse ich doch gerne noch ein paar Extra-Euro als Spende da. Das Gebäude kann es wahrlich gebrauchen – die Zeit und einige Hochwasser haben unübersehbare Spuren hinterlassen. Mit bloßem Putzen ist es hier bald nicht mehr getan.
Jetzt, frisch geduscht, mit festem Essen im Bauch und einem eiskalten Radler in der Hand, sieht die Welt schon wieder verdammt rosig aus. Nun noch ein kleiner Verdauungsspaziergang am Rheinufer und dann darf dieser ereignisreiche Tag im warmen Schlafsack enden. Gute Nacht!

































