Auf dem Burgensteig – Von Weinheim nach Schriesheim
Wenn der Tag schon so besonders anfängt – Zum Frühstücken setze ich mich in der Weinheimer Fußgängerzone vor eine Bäckerei. Am Nebentisch sitzt ein Obdachloser und wird von der Verkäuferin wie selbstverständlich mit einem Kaffee und ein paar Brötchen bedient. Er muss nichts bezahlen. Es ist ihm sichtbar unangenehm; er sagt ihr, dass er den Platz gerne wieder frei macht. Sie erwidert ihm in aller Ruhe und voller Respekt, er möge jetzt einfach sitzen bleiben und den Kaffee genießen.
Nach dem Frühstück geht’s dann los. Noch in den Wohngebieten steigt die Straße steil an. Ich biege in die Hegelstraße ein. Dabei kommt mir ein Zitat von ihm in den Sinn: „Nichts Großes wurde ohne Leidenschaft erreicht“. Na, jetzt bin ich ja mal gespannt, was heute noch auf mich zukommt was Leiden schaft.
Die erste Wasserflasche ist fast leer
Nach einem langen Anstieg kommt die erste Burg auf mich zu. Die Wachenburg liegt neben dem Burgensteig, also beschließe ich, ein paar zusätzliche Höhenmeter einzubauen. Für meinen Geschmack ist sie mir ein bisschen zu gut restauriert worden. So akkurat, wie hier Stein auf Stein sitzt, lässt sie mich eher an einen verarmten Verwandten König Ludwigs denken. Erst mit meinen nachträglichen Recherchen erfahre ich, dass die Burg in den Jahren 1907 – 1928 als Gedenk- und Begegnungsstätte des Weinheimer Senioren-Convents und seiner aktiven studentischen Corps erbaut wurde.

Auch den nächsten Aussichtspunkt zum Goldkopf Pavillon, muss ich mir mit zusätzlichen Höhenmetern erarbeiten. Die Temperaturen sind schon ordentlich gestiegen und die erste Wasserflasche ist fast leer. Ob die zusätzlichen Höhenmeter da eine gute Idee sind? Es ist noch nicht mal Mittag. Mmh.
Keine Gastronomie und das Wasser ist fast leer
Gefühlt geht es heute immer rauf und runter. Ein munterer Wechsel zwischen Forststraßen und schmalen Pfaden. Unten streife ich immer wieder den Ortsrand oder der Burgensteig führt oberhalb der Orte entlang. In den Ortsrandlagen bietet sich mir oft ein toller Fernblick bis in die ferne Pfalz. Auf Gastronomie stoße ich leider nicht.

Zum Mittag ist auch die zweite Wasserflasche fast leer und es ist noch nicht mal die Hälfte der Strecke geschafft. So langsam dämmert es mir, dass ich Höhenmeter und Temperaturen unterschätzt habe. Da nützt es auch nichts, dass die heutige Etappe schön abwechslungsreich ist.
Der Burgensteig war es wohl nicht
Wieder schnaufe ich einen steilen Anstieg nach oben. Da kommen mir zwei gut gelaunte Frauen entgegen. Wir kommen kurz ins Gespräch über das Woher und Wohin. Auf meine Bemerkung, dass es den ganzen Tag bisher nur auf und ab ging, versichern sie mir, dass es ab jetzt fast nur noch auf einer Höhe weitergeht. Schon nach anderthalb Kilometern frage ich mich, während der Weg wieder steil bergab führt, von welchem Wanderweg die beiden gesprochen haben. Der Burgensteig war es wohl nicht.

Klar, dass es nach dem Abstieg auch wieder bergauf geht. Oben angekommen freue ich mich auf die Bank und den Tisch an der Jägersruh. Nicht wie geplant mit schöner Aussicht, dafür aber im Schatten und schon lange überfällig. Mein Körper fordert seine Kalorienration, und noch viel mehr will er Flüssigkeit. Genüsslich rinnt der letzte Rest der zweiten Flasche in mich hinein und damit auch die Erkenntnis in meinen Kopf: Ich habe für dieses Wetter und diese Tour viel zu wenig zum Trinken mitgenommen.
Bei der Lage am … der Welt
Nach der Pause geht der Wandertag weiter wie bisher. Auf Auf folgt Ab und so weiter. Nur die Temperaturen steigen noch ein bisschen weiter und machen erst kurz vor 30 Grad halt. Zum Glück laufe ich überwiegend unter dem schützenden Blätterdach der Odenwälder Bäume.

Wie so oft am Burgensteig liegen die Burgen nicht direkt am Weg. So sind auch zur Hirschburg noch einige Höhenmeter zusätzlich zu erklimmen. Als Belohnung gibt es dann ein paar Steinreste zwischen den Bäumen und Sträuchern. Besonders umfangreich war das Bauwerk wohl nicht. Bis ins 14. Jahrhundert wurde die Burg noch genutzt, dann musste der Burgherr Insolvenz anmelden. Wundert mich nicht bei der Lage am … der Welt. Die Nachbarn haben strategisch günstiger gebaut.
Wie zum Beweis, dass Lage für eine Immobilie alles ist, steht schon ein paar hundert Meter weiter eine Hinweistafel auf die Ruine Schanzenköpfle. Man vermutet, dass dies der erste Versuch des edelfreien Geschlechts der Hirschberger war, hier erfolgreich zu sein.
Endspurt durch die Spatschlucht zum Schwimmbad
Nochmals führt der Wanderweg nach unten und nochmals wieder ein Stück hinauf. Die Zunge klebt am Gaumen, der Kopf meldet eine leichte Benebelung der Sinne und die Waden signalisieren deutliche Zeichen der Überlastung. Kurz: Der Körper sagt klar und deutlich: „Du kannst mich mal.“
Bevor ich diesen Zeichen aber genug Aufmerksamkeit schenke, zieht die Spatschlucht noch mal alle Sinne auf sich. Durch einen der Schürfgräben, die durch den Spatabbau entstanden sind, führt der Wanderweg. Lange hat der Abbau nicht gedauert, die wenigen Vorkommen waren bald erschöpft. Ein großer Teil des Spatpulvers wurde in die Niederlande zur Farbenherstellung exportiert.

Wieder im Tal angekommen, befindet sich nun die größte Verlockung des Tages. Schon von Weitem war das fröhliche Rufen und Planschen aus dem Schriesheimer Waldschwimmbad zu hören. Da die Badehose aber wasserscheu zu Hause liegt, bleiben die Wasserfreuden in unerreichbarer Ferne. Dafür lockt aber der Bus, der in fünf Minuten hier ankommen soll. Eigentlich stehen heute noch gut sieben Kilometer und einige Höhenmeter an. Die Signale des Körpers sind aber ganz klar: „Du kannst ja gerne weitergehen, ich bleibe hier.“ Okay, dann bleibe ich auch und freue mich schon einige Minuten später über die Klimaanlage und den bequemen Sitz im Bus.




























